Caio in der Startformation. Caio in der Startformation? Auswärts? Beim Tabellenführer? Muss ein Druckfehler sein. Ist es nicht. Möglicherweise dachte sich Michael Skibbe, wenn nicht hier, wo dann? Hier, in Leverkusen, hat es schließlich jeder Samba-Fußballer geschafft, der halbwegs geradeaus laufen konnte. Fehlanzeige. Caio läuft auf – für 22 Minuten. Dann ist der Spuk vorbei und Skibbe hat Erbarmen mit dem Brasilianer. Für Caio reicht es so gerade noch, bei Sportal & Co. die Note 6 abzuräumen. Ungenügend. Die gleiche Zensur hatten sich am Freitagabend noch etliche andere Frankfurter Standfußballer verdient. Von einer Bestrafung konnte man bei Caios Auswechslung allerdings nicht reden, konnte er doch schließlich froh sein, am Desaster in Leverkusen fortan nicht mehr beteiligt zu sein.
Doch nicht nur die Frankfurter auf dem Platz schienen mit ihren Gedanken andernorts zu verweilen. Michael Skibbe mag an vieles gedacht haben, als er die taktische Marschroute für den Horrorabend festlegte, allein über die Stärken und Schwächen des eigenen Teams schien er nicht im Bilde zu sein. Vielmehr erfreute sich der Fußballlehrer im Vorfeld der Partie an den Stärken seines Ex-Teams: „Ich bin mit allen dort gut befreundet, ich kenne alle Adlers und Castros. Es spielt dort noch immer die Mannschaft, die ich mit zusammengebaut habe.“ Ja, darauf ist er mächtig stolz. Es hat den Anschein, als trauere Skibbe noch immer der guten alten Zeit nach. Das „Debakel unterm Werkskreuz“ war fast vorhersehbar. Wenn sich schon der Trainer nicht auf die Mannschaft konzentriert, die er aktuell trainiert, warum sollten es dann seine Spieler tun?
In Gedanken bei all den tollen Adlers, Castros, Völlers und wie sie alle heißen, ließ Skibbe denn auch die geballte Frankfurter Offensivabteilung den Leverkusener Rasen stürmen. Doch so dilletantisch, wie diese sich dann anstellte, hat man eine Frankfurter Mannschaft lange nicht gesehen. Da brauchte es schon Herren der älteren Garde im Frankfurter Fanblock, die sich an ein ähnliches Szenario gegen Fortuna Köln erinnen wollten. Wann das gewesen sein soll, ist nicht überliefert. Unter einem gewissen Herrn Funkel – diese These sei gewagt – wäre so etwas nicht passiert.
Funkel wusste, was die bisweilen arg limitierte Frankfurter Mannschaft zu leisten im Stande ist – und was eben nicht. Danach stellte er auf und ließ mauern, wenn es nötig war. Skibbe ist sich darüber nach viermonatiger Amtszeit scheinbar noch nicht im Klaren. Nun sollte er schleunigst umdenken, sich abkapseln von seiner wahnwitzigen Idee, die Eintracht innerhalb kürzester Zeit von einem Abstiegskandidaten zu einem Aspiranten um die internationalen Plätze formen zu können. Dazu fehlen finanzielle Mittel genauso wie die vorhandene spielerische Qualität. Das reicht von Kapitän Christoph Spycher, der mitunter mit einfachsten Zuspielen überfordert ist, bis hin zu Selim Teber, den Skibbe nach einer lustlosen Vorstellung unverständlicherweise erst zwei Minuten vor Ultimo austauschte.
Skibbes Rundumschlag nach der peinlichen Schlappe jedenfalls ist mehr als unagebracht. Er will den Verein in einem Maße umkrempeln, in dem es nicht annährend möglich sein wird, solange Heribert Bruchhagen Vorstandsboss ist. Statt zu träumen, wie es sein könnte, muss sich Skibbe wieder der Gegenwart zuwenden und das Beste aus der Mannschaft herausholen, die ihm zur Verfügung steht. Wie predigte Funkel doch immer so schön: „Wenn ich offensiv aufstelle, rennen wir ins offene Messer und kriegen fünf, sechs Stück.“ Genau das hätte gestern gut und gerne passieren können – wie auch schon im Pokal gegen die Bayern. Und wenn Michael Skibbe nicht langsam umdenkt, ist die Eintracht gestern nicht das letzte Mal untergegangen.
